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Setzt Deutschland seine Energiewende aufs Spiel?

Trotz klarer Mehrheit für mehr Erneuerbare und drängendem Netzausbau plant die Bundesregierung einen massiven Zubau von Gaskraftwerken. Eine Stellungnahme.

Zwischen 22 und 35,5 Gigawatt an neuen steuerbaren Kraftwerken stehen in den Planungen. Das könnte rechnerisch zwischen 44 und 71 neue Gaskraftwerken in der 500-Megawatt-Klasse entsprechen. Deutlich mehr als selbst konservative Szenarien für die Versorgungsicherheit erfordern.

Eine aktuelle Umfrage zu Klimaschutz und der Energiewende zeigt gleichzeitig ein klares Stimmungsbild: Eine deutliche Mehrheit lehnt diesen Ausbau ab, selbst unter potenziellen CDU/CSU-Wählenden sprechen sich knapp 61 Prozent der für eine Fortsetzung der Energiewende und weitere Investitionen in erneuerbare Energien aus.

„Trotzdem setzt die Bundesregierung auf einen verstärkten Ausbau an fossilen Reservekapazitäten mit der Begründung Versorgungssicherheit“, kritisiert Thomas Schoy, Mitinhaber und Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Privates Institut. „Der Versorgungssicherheitsbericht 2025 der Bundesnetzagentur hält allerdings auch fest, dass der Bedarf an steuerbarer Leistung bis 2035 bei pünktlichem Ausbau von Wind, Photovoltaik, Speichern und Flexibilisierung auf die Unterkante von 22,4 Gigawatt begrenzt werden kann.“

Erst bei massiven Verzögerungen soll der Wert auf 35,5 Gigawatt steigen. Hintergrund sind längere Dunkelflauten, die Wind und Sonne nicht überbrücken, sowie der steigende Strombedarf – von 2024 rund 465 Terawattstunden (TWh) auf etwa 725 TWh im Jahr 2035.

Der große Gasplan?

Die Elektrifizierung von Verkehr, Industrie und Haushalten treibt die Stromnachfrage spürbar nach oben. Gleichzeitig verschwinden alte Kohlekraftwerke vom Markt, wodurch neue steuerbare Kapazitäten nötig werden. Erneuerbare Energien decken zwar einen wachsenden Anteil, doch ihre Schwankungen verlangen nach flexiblen „Residualkraftwerken“ – meist Gasanlagen, die bei Flaute oder Dunkelheit einspringen. Erdgas-Kraftwerke gelten daher als Hauptsäule der Absicherung – zumindest in den Augen der Bundesnetzagentur.

„Natürlich braucht ein modernes Energiesystem Reservekapazitäten“, so der Photovoltaik-Experte. „Dunkelflauten lassen sich ohne steuerbare Leistung nicht überbrücken.“ Doch die Bundesnetzagentur betont ebenso: Flexible Verbraucher, Speicher und ein ambitionierter Netzausbau könnten den fossilen Bedarf massiv begrenzen.

Speicher können Lastspitzen abfangen, flexible Verbraucher wie Wärmepumpen oder Elektroautos helfen, das Netz zu stabilisieren. Jedes zusätzliche Gaskraftwerk, das über den realen Bedarf hinausgeht, bindet Kapital, das für diese Technologien fehlt.

Reiche und die Netzfrage

Als Bundesministerin für Wirtschaft und Energie verantwortet Katherina Reiche die Kraftwerksstrategie. Bis Mai 2025 führt sie noch den Energiekonzern Westenergie und war zuvor lange in der Energielobby aktiv. Kritiker sehen hier teilweise Parallelen zwischen ihrer Amtseinführung und den Interessen großer Netzbetreiber.

„Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Denn während fossile Kapazitäten forciert werden, bleibt das größte Nadelöhr der Energiewende – der schleppende Netzausbau – politisch unterbelichtet“, verdeutlicht Schoy. „Netzbetreiber kassieren weiter garantierte Renditen, während Betreiber erneuerbarer Anlagen teils monatelang auf die vollständige Integration ins Netz warten. Besonders heikel wirkt Reiches Ansatz, den Zubau neuer Wind- und Solaranlagen künftig faktisch an die verfügbaren Netzkapazitäten zu koppeln.“

Damit verschiebt sich die Verantwortung für das strukturelle Problem vom Staat auf die Projektierer. Während Netze über Jahre im Genehmigungsstau verharren, soll der Ausbau Erneuerbarer gebremst werden – mit der Begründung, das Netz könne den zusätzlichen Strom nicht aufnehmen.

Für Gaskraftwerke gilt diese Beschränkung nicht: Sie speisen regelbar ein und erhalten praktisch automatisch einen Anschluss. So erklärt sich, warum Reiche in ihrem Monitoringbericht von einem höheren Bedarf fossiler Kapazitäten ausgeht. Die Netzhürden für Erneuerbare werden bewusst hochgehalten, während Gasprojekte freie Fahrt haben.

Scheideweg für die Energiewende

Die von Frontier Economics für den DIHK erarbeitete Analyse unterstreicht eindrücklich, wie riskant der derzeitige Kurs wirkt. Demnach bläht ein einseitiger Fokus auf Gaskraftwerke die Gesamtkosten der Energiewende unnötig aus und blockiert marktorientiert Lösungen, die Innovation und Wettbewerb fördern könnten.

Verzögerungen im Netzausbau oder bei der Integration von neuen Anlagen kosten nicht nur Rendite, sondern auch Vertrauen in die Wirtschaftlichkeit von Projekten. Gleichzeitig verschiebt sich der eigentliche Klimanutzen immer weiter nach hinten.

Der Experte hält fest: „An einem klaren Scheideweg stehend, muss Deutschland entscheiden: Investiert das Land entschlossen in Netze, Speicher und Flexibilisierung oder in fossile Überkapazitäten, die in wenigen Jahren wertlos wirken und eine kostspielige Hypothek für kommende Generationen darstellen?“

Weichenstellung für die Zukunft

Zur Herausgabe des „Energiewende-Monitoring“ durch das Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, sorgt die politische Linie von Katharina Reiche für heftige Debatten. Schoy erklärt: „Mit dem Bericht soll offiziell überprüft werden, wo Deutschland bei der Umstellung auf klimafreundliche Energie steht und welche Stellschrauben nachjustiert werden müssen.“

Klimaschützer und Projektierer im Bereich der Erneuerbaren befürchten, dass das Monitoring weniger ein Werkzeug der Steuerung, sondern vielmehr ein Instrument zum Bremsen des Ausbaus von Solar, Wind und Co. darstellt. Zweifel nähren dabei Aussagen der Ministerin selbst: Kurz nach ihrem Amtseintritt bezeichnet sie den bisherigen Ausbau der Erneuerbaren als „überzogen“ – eine Formulierung, die viele als Signal für eine Kehrtwende interpretieren.

Hinter den Kulissen wächst damit die Sorge, dass das Monitoring weniger Orientierung bietet als vielmehr den Boden für eine fossile Renaissance bereitet. Laut Reiche stehe die Energiewende nun „an einem Scheideweg“ – doch es lässt sich fragen, ob ihre Strategie tatsächlich Zukunftssicherheit oder vielmehr fossile Rückschritte bedeutet. Aktuell befürchtet die Branche, dass das Monitoring weniger Orientierung bietet als vielmehr den Boden für eine fossile Renaissance bereitet.

Autor: Thomas Schoy

Links:

https://privates-institut.com/

Thomas Schoy mahnt: „Netzbetreiber kassieren weiter garantierte Renditen, während Betreiber erneuerbarer Anlagen teils monatelang auf die vollständige Integration ins Netz warten. Besonders heikel wirkt Reiches Ansatz, den Zubau neuer Wind- und Solaranlagen künftig faktisch an die verfügbaren Netzkapazitäten zu koppeln.“ Bild: PIN Privates Institut für Erneuerbare Energien GmbH

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Quelle: Volker Zwick (Chefredakteur der B&I)
www.b-und-i.de